Au weia, arte!
Jetzt hat auch der Kultursender arte das Format Casting-Show für sich entdeckt. Wie es sich für einen Sender mit Anspruch gehört, geht es dabei nicht einfach um das gute Aussehen oder die schöne Stimme der Kandidaten. Nein, es muss kulturell wertvoller daher kommen. Also kamen die Programmgestalter, die sich in einer Programmreform für die Zukunft eine populärere Ausrichtung verordnet haben, die „freundlicher, emotionaler und zugänglicher“ sein soll, auf das Medium Fotografie. In fünf Sendungen durften sich 6 junge „Nachwuchstalente“ in Paris zu einer „Masterclass“ einfinden. Der ehemalige Benetton-Werber Oliviero Toscani sollte ihnen an fünf Tagen entscheidende Impulse für ihre weitere Laufbahn geben. Der „Che der Werbung“ (arte-O-Ton) erwarte „eine neue Generation von Fotografen“ und er fügt hinzu: „Die werden bestimmt mal berühmter als ich.“ Um dann aber gleich darauf selbst lauthals über die eigene Aussage zu lachen. Das tut er im Verlauf der weiteren Folgen nach eigenen Statements und Bemerkungen noch diverse Male. Da kommen erste Zweifel auf, dass Toscani das ganze selbst so ganz ernst nimmt.
Schon bald merkt der kritische Zuschauer, dass artes Casting-Show zwar wesentlich netter daherkommt, als die Vorbilder der Privatsender, denn richtig demontiert wird hier glücklicherweise niemand – aber Casting-Show bleibt Casting-Show. Es drängt sich der Verdacht auf, dass die jungen „Talente“ nicht nach ihren fotografischen Fähigkeiten ausgewählt wurden, sondern vor allem nach ihrer Fernsehkompatibilität und dem Wunsch, eine bestimmte Gruppendynamik zu erzeugen. Da gibt es den pubertierenden Dummquatscher in Person des Suchart Wannaset, der mit Matrosen-Kragen und hohen Schnürstiefeln planlos in der Gegend rumknipst. Phasenweise erinnert er mit seinem affektierten und inhaltsleeren Gerede an den unseligen Daniel Küblböck aus „Deutschland sucht den Superstar“. Die kokette Französin Coline Sentenac-Moise mutet an wie eine Mischung aus den Hauptdarstellern in »Die wunderbare Welt der Amelie« und »Lolita«. Egal wie unpraktisch, immer stakst sie im ultrakurzen Minirock durch die Location. Der Dortmunder Christian Kuhn verließ den Big-Brother-Container – Verzeihung – das Photo-for-Life-Studio schon nach der ersten Folge. Als etwas arroganter und selbstgefälliger Jungstar mit szenegerechter Baseballcap hätten ihn die Zuschauer ohnehin bald rausgewählt, wenn man denn wie bei Big Brother jemanden würde rauswählen können. Der Franzose Matthieu Cheneby besetzt die Rolle des sensiblen Künstlers, der unter seinem modischem Pork-Pie-Hut häufig etwa weltentrückt und verträumt aussieht. Wie sich ein Fernsehregisseur halt einen Künstler vorstellt, der laut seiner Kurzvita auf arte vorher eigentlich Tänzer und Zirkusartist werden wollte. Vermisst habe ich in diesem Zusammenhang nur den Hinweis im Abspann, welche Klamottenfirma die Fotogruppe ausgestattet hat.
Was Toscani den jungen Fotografen in seinen Statements kommentierend und wertend mitgibt, ist teils Binsenweisheit, teils überspitzt („Ein Künstler, der nicht schockiert, ist kein Künstler“), aber fast immer eine völlig irreale Berufsrealität vorgaukelnd. Das mag ja die Welt von Toscani sein, die Welt der meisten meiner Berufskollegen ist es nicht. Traurig ist dabei nur, dass arte damit tausenden von Flickr- und Fotocommunity-Knipsern Sand in die Augen streut und ein Berufsbild an die Wand malt, das fernab der Wirklichkeit ist. Damit wird wohl auch in den nächsten Jahren der Fotograf weit oben auf der Berufswunsch-Hitliste stehen.
