Paolo Pellegrin – Streit um ein Foto
Geschrieben am 9 März, 2013 um 19:16, von Rolf Nobel
Er ist der wohl erfolgreichste Fotograf der legendären Fotoagentur MAGNUM und für viele Fotografen das große Idol. Jetzt ist der Italiener Paolo Pellegrin Mittelpunkt eines Streits, der seinen und den Mythos von MAGNUM ins Wanken bringt und eine Diskussion um Ethik und Moral im Fotojournalismus entfacht, von der MAGNUM bislang weitgehend unbehelligt war.
Ausgangspunkt war ausgerechnet ein Foto der Arbeit, für die der erfolgsverwöhnte Pellegrin gerade seine drei aktuellsten Preise erhielt. Den 2. Preis beim World Press Photo Award (General News Stories), den zweiten Preis beim amerikanischen Press Photographer of the Year (POY) in der Kategorie Reporting Picture Story und beim gleichen Wettbewerb den Titel »Freelance Photographer of the Year«.
Das beanstandete Bild entstand im Rahmen eines Gruppenprojektes von MAGNUM in der US-Stadt Rochester. Bei dem Projekt wurde MAGNUM von dem Rochester Institute of Technology (RIT) unterstützt und Fotostudenten des RIT halfen den MAGNUM-Fotografen als Assistenten.
Pellegrin konzentrierte sich in seiner Arbeit auf den Problembezirk Crescent, Schauplatz zahlreicher Morde, anderer Verbrechen und stadtbekanntes Drogenviertel. Für eines seiner Bilder suchte Pellegrin einen Waffenbesitzer, von dem er ein Portrait fotografieren wollte. Sein Assistent verwies ihn auf einen Kommilitonen vom RIT – Shane Keller - der mehrere Waffen besaß.
Keller, damals noch Fotografiestudent am RIT, war damit einverstanden, sich von Pellegrin portraitieren zu lassen.
Dass Pellegrins Foto nicht wie ein inszeniertes Portrait daher kommt, sondern eher als szenisches Reportagefoto, sei nur am Rande erwähnt. Dramatische Lichtführung, das Umfeld (eine Garage) und das linke angezogene Bein lassen die Szene erscheinen, als würde hier ein Gangmitglied mit einer Pumpgun durch das Viertel streifen. Beim finalen Editing müsste Pellegrin diese naheliegende Interpretation eigentlich auch klar gewesen sein.
In der Bildunterschrift bezeichnet Pellegrin den Ort als »Crescent« und Shane Keller als ehemaligen Marine Corps Sniper. In die Dateiinformationen des Bildes ist außerdem ein Textschnipsel eingebunden, der aus einem 1o Jahre alten Artikel der New York Times stammt, in dem längst veraltete statistische Daten zu Rochesters Crescent enthalten sind. Weder das Datum der Veröffentlichung noch die Quelle werden genannt.
Dass den früheren Fotostudenten Shane Keller der Zusammenhang, in den er da gestellt wurde, nicht gefällt, kann man nachvollziehen, wenn man seine Version über die Hintergründe des Fotos hört. Dies sei nämlich gar nicht im Sodom und Gomorra von Rochester entstanden, sondern 6 Kilometer entfernt von Crescent. Ein friedliches Viertel, unweit des jüdischen Community Centers, wo man seine Tür unverschlossen lassen könne, ohne dass etwas gestohlen würde. Und er habe Paolo Pellegrin auch nie erzählt, dass er Sniper eines Marine Corps war, denn tatsächlich sei er bei den Marines Militärfotograf gewesen.
Nachdem Shane Keller dies nach der Veröffentlichung des Bildes seiner ehemaligen Ethik-Professorin Loret Steinberg berichtete, kam der Stein ins Rollen. Denn die nahm Kontakt mit dem Redakteur Michael Shaw auf, der die scheinbaren Ungereimtheiten in dem Blog bagnotesnews.com unter der Überschrift »Wenn die Wirklichkeit nicht dramatisch genug ist: Falsche Darstellung in einem Foto, das den World Press Photo Award und das Picture of the Year gewonnen hat« veröffentlichte. Schnell weitete sich die Diskussion aus und vor allem in der US-Fotoszene wird von Photo District News (PDN) bis Lens Blog (New York Times) heftig gestritten.
»Es tut mir leid, dass Michael Shaw, Loret Steinberg und Shane Keller meine Bilder von Rochester nicht gefallen«, antwortete Pellegrin in der von MAGNUM veröffentlichten Gegendarstellung. Es sei nicht ungewöhnlich, dass Leute mit der Darstellung ihre Viertels durch einen Außenstehenden nicht einverstanden seien. »Das wissen wir doch alle.« Was die falsche Ortsbezeichnung betrifft, so habe er nicht herausfinden können, ob der Begriff Crescent eine genaue geografische Bezeichnung sei, oder eher ein ungenauer Begriff. Im Übrigen habe er bei der Fahrt mit seinem Assistenten die Orientierung verloren.
Hätte aber die einfache Frage, »Sind wir hier in Crescent?« nicht jedes Missverständnis beseitigt? Und spielt die korrekte örtliche Zuordnung einer Person nicht besonders bei einer Reportage über ein solch negativ besetztes Viertel eine wichtige Rolle?
Anders als Shane Keller, so Pellegrin, habe für ihn die Fotografie von Keller mit dem Gewehr sehr wohl etwas mit der Gewalt in Crescent zu tun. Auch erinnere er sich, dass Shane, dessen Namen er später vergessen habe, sich ihm gegenüber als ehemaliger Sniper ausgegeben habe. Das aber relativiert er dann im nächsten Satz selbst: vielleicht habe Keller sich ja versprochen, oder er – Pellegrin – habe es vielleicht falsch verstanden!?
Ein weiterer Kritikpunkt betrifft das Kopieren eines Ausschnitts aus einem 1o Jahre alten Artikel der New York Times in die Dateiinformationen. Dagegen ist nichts einzuwenden, wären ein Hinweis auf die Quelle und das Erscheinungsdatum enthalten. Angesichts des Umfangs der Textpassage hätten auch diese Infos noch Platz gefunden. In diesem Fall wäre jedem Nutzer jedenfalls klar gewesen, dass die in dem Text enthaltenen statistischen Zahlen aktualisiert werden müssen. Das Argument des Fotografen, dass die Textpassage nur der Hintergrundinformation, nicht aber der Veröffentlichung dienen sollte, wird schon dadurch ad absurdum geführt, dass dieser alte Text bei der Veröffentlichung von World Press Photo offenbar als fundierter und aktueller Bildtext angesehen und tatsächlich veröffentlicht wurde.
Natürlich können einem Fotografen, auch einem so ausgebufften Profi wie Paolo Pellegrin, Fehler bei den Captions unterlaufen. In einem solchen Fall sollte man dann aber vielleicht etwas reumütiger auf die Kritik reagieren als es aus der veröffentlichten MAGNUM-Erklärung spricht.
Stattdessen kommt nach Pellegrins Erklärungsversuchen tatsächlich die im Titel des Blog-Beitrages von bagnotesnews.com angerissene Frage auf, ob hier ein Star des Fotojournalismus mit dem permanenten Erfolgsdruck nicht klar gekommen und dem Zwang erlegen ist, jedem Fotografie gewordenen Drama immer noch ein neues hinzufügen zu müssen, auch wenn die Wirklichkeit diese Dramen vielleicht nicht immer hergibt?
Was wir aber alle daraus lernen müssen – und das betrifft auch die Verantwortlichen von World Press Photo und Press Photographer of the Year – dass eine dem Foto an die Seite gestellte Caption die gleichen ethischen Kriterien zu erfüllen hat, wie das Foto selbst.
Gut Ding will Weile haben
Geschrieben am 10 November, 2012 um 23:36, von Rolf Nobel
„Der Weise kennt keine Hast, und der Hastende ist nicht weise.“ – „Wer schnell geht, bekommt die Antilope nicht zu Gesicht.“ Bantu und Philosophen eint die gemeinsame Weisheit: Willst du etwas gut machen, brauchst du dafür Zeit.
Das gilt auch für die Fotografie. Denn Fotos sind komplexe Produkte, deren Qualität von verschiedenen Faktoren abhängt: Die Interaktion der Menschen . Der richtige Augenblick. Das Licht. Die Perspektive. Der Ausschnitt. Es bedarf keiner großen Vorstellungskraft einzusehen, dass sich die gewünschte Verdichtung eines Motivs nicht zufällig in einem Sucher einstellt, sondern dass man dafür häufiger als gewünscht lange Zeit arbeiten und warten muss. Und um wie viel aufwendiger ist es, wenn man mehrere Fotos für eine schwierige Geschichte fotografieren muss? Um deren Bilder zu finden, bedarf es des zweiten Blicks. Wir Fotojournalisten müssen einfach genauer hinsehen, um das zu finden, was man gemeinhin nicht sieht, das, was hinter den Kulissen oder unter der Oberfläche liegt. Das ist umso wichtiger, je mehr man von der Auffassung gelenkt wird, dass dem Journalismus als vierte Macht im Lande eine wichtige Kontrollfunktion zukommt.
Das genaue Hinsehen ist aber nicht nur eine Frage der eigenen Sehschärfe. Eine gute Brille allein hilft da wenig. Genaues Hinsehen ist auch eine Frage von Wissen und Suchen. Denn nur wer im Thema ist, kann auch geeignete Situationen oder richtige Schauplätze erkennen. Die findet man selten im Vorbeigehen. Das gilt umso mehr, je komplexer ein Thema ist.
Es wird im Fotojournalismus oft und gern ein Satz von Robert Capa zitiert, der leider meist falsch gedeutet wird. „Wenn dein Bild schlecht ist, dann warst Du nicht nah genug dran!“, meint natürlich nicht eine physische Nähe zum Motiv, sondern eine Affinität zum gewählten Gegenstand und ein fundiertes Wissen über die Vorgänge, basierend auf einer gründlichen Recherche, einem gewissen Einfühlungsvermögen gegenüber den Menschen, sowie auf das starke Bedürfnis, anderen Menschen die Situation so wahrhaftig wie möglich zu vermitteln. Gute Fotografen dürfen also nicht sein, was der bekannte Reporter, Buchautor und Kisch-Preisträger Andreas Altmann mal geringschätzig „Belichtungsbeamte“ nannte: Rasende Reporter, die vom Schauplatz ihrer Fotoserien selten mehr kennen als die Adresse des Hotels, in dem sie absteigen. Natürlich gibt es solche Fotografen, keine Frage – leider.
Aber gute Fotografen müssen neugierig sein. Sie müssen wissen wollen. Sie müssen wie Schwämme sein, die alles interessiert aufsaugen, was ihnen zum Thema unterkommt. Sie müssen Fakten, Eindrücke und Motive sammeln. Sie müssen all das gesammelte einordnen und bewerten. Und wenn sie die Schlüsselmotive ihrer Reportagen oder Bildserien gefunden haben, dann erst kommt die eigentliche fotografische Arbeit. Dann erst müssen sie die Motive in eine Form bringen. Noch dazu in eine, in der sich Form und Inhalt des Bildes ergänzen und stützen. Eine Form, die den Inhalt adäquat transportiert, nicht abgehoben oder gar kontraproduktiv. Und sie müssen die Geschichte zu Ende erzählen, in eben jenen Fotos, die wir brauchen, um sie verstehen zu können. All das ist eine zeitaufwendige Prozedur, die nur wenig zu tun hat mit dem locker aus der Hüfte gemachten Schnappschuss, den der Laie so gemeinhin im Kopf hat, wenn er an außergewöhnliche Bilder denkt. Auch Bildern, die auf den ersten Blick so aussehen, als seien sie irgendwie zufällig oder nebenbei entstanden, ist meistens der zweite Blick vorausgegangen. Es ist selten der Zufall, der dem Fotografen die spannenden Situationen zuführt.
Leider räumen die Auftraggeber uns Fotografen heute kaum mehr jene Zeit ein, die eine qualifizierte Arbeit möglich machen. Getrieben von sparwütigen Betriebswirten haben die Bildredaktionen fast aller deutschen Magazine die Dauer der Assignments im letzten Jahrzehnt drastisch reduziert. Denn Verlagsmanager richten sich nach der Devise „Zeit ist Geld“, die auf den ehemaligen amerikanischen Präsidenten und Zeitungsverleger Benjamin Franklin zurückgeht. Selbst ein Magazin wie National Geographic blieb davon nicht verschont. Einst lag die normale Dauer eines Reportagejobs dort bei sechs Monaten, heute sind es nur noch vier. Das klingt immer noch üppig. Ist es auch. Aber immerhin eine Kürzung um ein Drittel.
Bei uns in Deutschland kann man selbst von der Dauer solch gekürzter Assignments nur träumen. Nicht selten muss man auch eine umfassende Reportage in drei bis fünf Tagen fotografieren. Was bei einem solchen „Quickie“ herauskommt, kann man an einer Hand abzählen: Der Fotograf muss Klischees abarbeiten, fotografisch und inhaltlich. Und er muss vieles inszenieren. Mit gutem Fotojournalismus oder Autorenfotografie hat das Ergebnis in der Regel nichts zu tun. Denn zum Finden originärer Bilder bleibt einfach nicht die Zeit.
Kurz nach dem Mauerfall hat der deutsche National-Geographic Fotograf Gerd Ludwig eine Reportage im Osten Deutschlands fotografiert. In dem kleinen Nest Kesselsdorf nahe Dresden entdeckte er am Wegesrand einen auf einer Wiese stehenden Schaukasten. Ein ehemaliger LKW-Fahrer hatte mit seiner Frau einen provisorischen Rastplatz für Autofahrer eingerichtet, und in einer Glasvitrine stellten sie Bananen, Orangen, Äpfel und einige Getränke zur Schau, die man dort als Reiseverpflegung kaufen konnte. Mehrere selbstgemalte Schilder wiesen auf das provisorische Ergebnis ersten unternehmerischen Denkens hin. Gerd Ludwig wartete, bis eine ältere Frau des Weges kam. Als sie sich nach dem Schaukasten umdrehte, löste er aus. Für ihn erzählte das Foto so viel über die Veränderung in der ehemaligen DDR, dass er noch zweimal an diesen Ort zurückkehrte, um das Bild vielleicht durch besseres Licht und eine stärker wirkende Person zu optimieren. Letztlich war es doch das Foto vom ersten Besuch, das National Geographic als Doppelseite druckte.
Den Roten Platz in Moskau besuchte Gerd Ludwig mehrfach. „Zehn bis fünfzehn mal war ich dort, um das Foto zu bekommen, das ich mir vorgestellt hatte“, berichtet er. Ein Großplakat mit einem, in edlen Zwirn gehüllten Modell, prangte auf dem Platz und Gerd Ludwig suchte nach lebenden Pendants, die das Plakat passieren. Täglich zwei Stunden lang zur Blue Hour verbrachte er und sein Assistent, der den Blitz hielt, dort. Bis er endlich Passanten fotografiert hatte, die dem Plakat entstiegen sein könnten. Es wurde ein ungestelltes wahres Bild – denn solche Passanten gehören zum Moskauer Stadtbild. Das Streben nach dem ultimativen Bild kostet eben Zeit.
Man muss als Fotograf auch die Menschen einer Geschichte für sich gewinnen. Man kann nicht fordernd und rücksichtslos auftreten und wie ein Elefant im Porzellanladen durch eine oft heikle Wirklichkeit trampeln. Man muss vielmehr, um wieder eine Aussage von Andreas Altmann zu zitieren, wie ein „Snake Charmer“ vorgehen: behutsam, schmeichelnd, immer aufmerksam. Beim Schlangenbeschwörer können Hektik und Hast tödlich sein, beim Fotografen können sie das vorzeitige Ende der Geschichte bedeuten.
Für viele deutsche Magazine ist ein Zeitraum von einer Woche die Schmerzgrenze, die es nicht zu überziehen gilt. Eine Woche Arbeit für die Darstellung einer 14-Millionenstadt wie Kalkutta mit all ihren Aspekten und Problemen? Eine Woche Arbeit für eine Reisereportage über Zypern, wo man zum Überbrücken der großen Entfernungen den größten Teil seiner Zeit im Fahrzeug verbringt? Eine Woche Arbeit für die Darstellung von Arbeitslosigkeit im Osten unserer Republik, über deren Ursachen und Hintergründe selbst Berufspolitiker seit Jahren mit unterschiedlichen Auffassungen streiten?
Die Antwort ist simpel: Es geht nur dann, wenn man an der Oberfläche bleibt, darauf verzichtet, der Fotografie jene Kraft zu entlocken, die diesem Medium inne wohnt. Wenn man sich leicht zugänglichen Klischees zuwendet, für die man nicht suchend und forschend das Thema entwickeln muss. Wenn man in den Fußstapfen anderer Fotografen wandelt und sich damit zufrieden gibt, deren Bilder nach zu fotografieren. Modifiziert und etwas besser, wenn man Glück hat. Eine Stadt oder eine Insel kann man im Schweinsgalopp nun mal nicht neu interpretieren, selbst der beste Fotograf kann das nicht. Das Resultat ist das ewige Wiederholen von Klischees, die Illustration.
Es ist also nicht die Gier nach maßlosen Honoraren, die jene Fotografen treibt, die nach ausreichenden Zeiträumen verlangen, um einen guten Job zu machen. Angesichts der finanziellen Realität, der seit Jahren stagnierenden Honorarsätze bei gleichzeitig steigenden Lebenshaltungskosten und der hohen Renditen von Verlagsaktionären, erscheint mir ein solcher Argwohn lächerlich.
Es kommt nicht von ungefähr, dass die herausragenden Leistungen in der Fotografie zumeist Arbeiten sind, mit denen die Bildner lange Zeit verbracht haben. Eines meiner Lieblingsbücher ist der Band „Mennoniten“ des kanadischen Fotografen Larry Towell. Zehn Jahre lang hat er an seinem Buch über die alttestamentarische Religionsgemeinschaft fotografiert. Beispiele für eine solche Arbeitsweise gibt es glücklicherweise auch heute noch genug. Zum Beispiel Sebastiao Salgados Werke „Worker“ und „Migrants“, Patrick Zachmanns Arbeiten zur chinesischen Diaspora und Immigration, Abbas Bücher über den Islam und das Christentum, Kai Wiedenhöfers Darstellung des Palästina-Konfliktes, Martin Parrs Blick auf Massentourismus und Fast Food oder Nan Goldins Bildband über die New Yorker Subkultur. Alle diese Fotografen eint trotz unterschiedlicher Themen und fotografischen Auffassungen eines: Sie haben sich viel Zeit genommen.
veröffentlicht in FREELENS Magazin #27
Au weia, arte!
Geschrieben am 4 Dezember, 2011 um 14:39, von admin
Jetzt hat auch der Kultursender arte das Format Casting-Show für sich entdeckt. Wie es sich für einen Sender mit Anspruch gehört, geht es dabei nicht einfach um das gute Aussehen oder die schöne Stimme der Kandidaten. Nein, es muss kulturell wertvoller daher kommen. Also kamen die Programmgestalter, die sich in einer Programmreform für die Zukunft eine populärere Ausrichtung verordnet haben, die „freundlicher, emotionaler und zugänglicher“ sein soll, auf das Medium Fotografie. In fünf Sendungen durften sich 6 junge „Nachwuchstalente“ in Paris zu einer „Masterclass“ einfinden. Der ehemalige Benetton-Werber Oliviero Toscani sollte ihnen an fünf Tagen entscheidende Impulse für ihre weitere Laufbahn geben. Der „Che der Werbung“ (arte-O-Ton) erwarte „eine neue Generation von Fotografen“ und er fügt hinzu: „Die werden bestimmt mal berühmter als ich.“ Um dann aber gleich darauf selbst lauthals über die eigene Aussage zu lachen. Das tut er im Verlauf der weiteren Folgen nach eigenen Statements und Bemerkungen noch diverse Male. Da kommen erste Zweifel auf, dass Toscani das ganze selbst so ganz ernst nimmt.
Schon bald merkt der kritische Zuschauer, dass artes Casting-Show zwar wesentlich netter daherkommt, als die Vorbilder der Privatsender, denn richtig demontiert wird hier glücklicherweise niemand – aber Casting-Show bleibt Casting-Show. Es drängt sich der Verdacht auf, dass die jungen „Talente“ nicht nach ihren fotografischen Fähigkeiten ausgewählt wurden, sondern vor allem nach ihrer Fernsehkompatibilität und dem Wunsch, eine bestimmte Gruppendynamik zu erzeugen. Da gibt es den pubertierenden Dummquatscher in Person des Suchart Wannaset, der mit Matrosen-Kragen und hohen Schnürstiefeln planlos in der Gegend rumknipst. Phasenweise erinnert er mit seinem affektierten und inhaltsleeren Gerede an den unseligen Daniel Küblböck aus „Deutschland sucht den Superstar“. Die kokette Französin Coline Sentenac-Moise mutet an wie eine Mischung aus den Hauptdarstellern in »Die wunderbare Welt der Amelie« und »Lolita«. Egal wie unpraktisch, immer stakst sie im ultrakurzen Minirock durch die Location. Der Dortmunder Christian Kuhn verließ den Big-Brother-Container – Verzeihung – das Photo-for-Life-Studio schon nach der ersten Folge. Als etwas arroganter und selbstgefälliger Jungstar mit szenegerechter Baseballcap hätten ihn die Zuschauer ohnehin bald rausgewählt, wenn man denn wie bei Big Brother jemanden würde rauswählen können. Der Franzose Matthieu Cheneby besetzt die Rolle des sensiblen Künstlers, der unter seinem modischem Pork-Pie-Hut häufig etwa weltentrückt und verträumt aussieht. Wie sich ein Fernsehregisseur halt einen Künstler vorstellt, der laut seiner Kurzvita auf arte vorher eigentlich Tänzer und Zirkusartist werden wollte. Vermisst habe ich in diesem Zusammenhang nur den Hinweis im Abspann, welche Klamottenfirma die Fotogruppe ausgestattet hat.
Was Toscani den jungen Fotografen in seinen Statements kommentierend und wertend mitgibt, ist teils Binsenweisheit, teils überspitzt („Ein Künstler, der nicht schockiert, ist kein Künstler“), aber fast immer eine völlig irreale Berufsrealität vorgaukelnd. Das mag ja die Welt von Toscani sein, die Welt der meisten meiner Berufskollegen ist es nicht. Traurig ist dabei nur, dass arte damit tausenden von Flickr- und Fotocommunity-Knipsern Sand in die Augen streut und ein Berufsbild an die Wand malt, das fernab der Wirklichkeit ist. Damit wird wohl auch in den nächsten Jahren der Fotograf weit oben auf der Berufswunsch-Hitliste stehen.
Ausstellung und Buch »Den Menschen den Menschen erklären. 10 Jahre Fotojournalismus und Dokumentarfotografie aus Hannover«
Geschrieben am 30 Dezember, 2010 um 19:21, von Rolf Nobel
Seit etwa 12 Jahren lehre ich nun Fotojournalismus und Dokumentarfotografie an der Hochschule Hannover, entgegen dem bundesweiten Trend an den Fachhochschulen Deutschlands. Dieses Jubiläum war Grund genug, mit einer großen Ausstellung und einem Bildband nach 10 Jahren eine erste Bilanz zu ziehen.
Es ist eine Anthologie, eine Blütenlese also, die den Lesern des Jubiläumsbandes von dem Studiengang Fotojournalismus und Dokumentarfotografie geboten wird und die rund 2.000 Ausstellungsbesucher im März/April 2011 im Design Center sehen konnten. 10 Jahre, das ist eine lange Zeit, etwa sechs Studentengenerationen lang. Und zehn Jahre hat es auch gedauert, bis die Ausbildung an der Hochschule Hannover das richtige Etikett erhielt. Bis dato firmierte man wie so viele deutsche Hochschulen auch in Hannover unter der ungenauen Bezeichnung Fotografie.
Mittlerweile ist der Studiengang Erfolgsmodell und Vorzeigefach. Unsere Studenten gewinnen Preise und Auszeichnungen fast im Zweiwochentakt. Zahlreiche Unternehmen, Stiftungen und Redaktionen lassen Bücher, Broschüren und Geschichten von hannoverschen Studenten fotografieren. Und mit dem Lumix Festival für jungen Fotojournalismus, das 2014 zum vierten Male stattfinden wird, hat der Studiengang in Zusammenarbeit mit der Fotojournalisten-Vereinigung FreeLens einen Sensationserfolg errungen, das für viele in der Bilderbranche schon zu den Pflichtbesuchen unter den internationalen Fotofestivals gehört.
Das Buch mit dem Titel »Den Menschen den Menschen erklären«, der sich an ein Zitat des Fotografen und MoMa-Kurators Edward Steichen anlehnt, und die begleitende Ausstellung geben den ersten 10 Jahren Fotojournalismus-Studium in Hannover ein fotografisches Gesicht. Insgesamt 46 Fotografinnen und Fotografen sind dabei vertreten. Ihre Fotos zeigen Ausschnitte aus 64 Serien und Reportagen. Sie führen uns von Orten vor der eigenen Haustür bis in die entlegendsten Flecken der Welt, etwa in Daniel Pilars Buch-Reportage über New Hanover Island im Bismarck Archipel von Neu-Guinea oder in Eileen Rahns Diplomarbeit über die Südsee-Insel Nauru.
Das 288 Seiten starke Buch zeigt in seinen Fotos die wundersame Kraft, die dem Fotojournalismus auch nach über hundert Jahren Geschichte in Ausstrahlung und Wirkung nicht verloren gegangen ist. Die Bandbreite an formalen Lösungen und Themen ist groß. Mal technisch präzise und fast sezierend wie in Stefan Krögers Diplomarbeit »Hanover, New Hampshire«, dann wieder umwerfend komisch wie in Julia Zimmermanns Oktoberfest-Bild, in dem zwei Besucher knutschen, einer sich übergibt und ein anderer auf die Wiese pinkelt. Es gibt weder Drama, Skurrilität, Schönheit, Ritual, Poesie oder Komik, die in den Fotos der Fotostudenten nicht eine Entsprechung finden würde. Dabei haben die Studenten auch formal alle Möglichkeiten ausgenutzt, die das Credo des Fotojournalismus, den Inhalt über die Form zu stellen, zulässt.
»Den Menschen den Menschen erklären - Fotojournalismus und Dokumentarfotografie aus Hannover«. 288 Seiten, Rasch Druckerei und Verlag GmbH&Co.KG, 2011. ISBN 978-3-89946-160-2
