Anja Niedringhaus in Afghanistan erschossen

Anja Niedringhaus, AP-Fotografin und Pulitzer-Preis-Gewinnerin, ist bei einem Mordanschlag in Afghanistan ums Leben gekommen. Die 48-jährige Fotografin dokumentierte dort den Wahlkampf um das Präsidentenamt. Bei dem Täter handelt es sich um einen Polizisten, der das Feuer offenbar gezielt auf Anja Niedringhaus und ihre kanadische AP-Kollegin Kathy Gannon eröffnet hat. Während Anja Niedringhaus sofort tot war, wurde Kathy Gannon schwer verletzt in ein Krankenhaus gebracht. Bei Anja Niedringhaus handelte es sich um eine sehr erfahrene und umsichtige Fotografin, die in ihrem Fotoreporterleben zahlreiche gefährliche Situationen überlebt hat. Im Jahre 2012 hatte ich Anja Niedringhaus für einen Vortrag über ihre Arbeit zum Lumix Festival eingeladen. Mit ihren berührenden Bildern hat sie das Auditorium und auch mich beeindruckt. Sie war, wie sie einmal in einem Interview sagte, “nicht auf der Suche nach diesem Bäng-Bäng” des Krieges. Vielmehr interessierten sie die Opfer. Ihre offene und fröhliche Art schien so gar nicht zu dem Ernst ihrer zahlreichen Kriegsfotos zu passen. Ihrem ansteckenden Lachen konnte man sich nicht entziehen. Obwohl ein Star unter den Krisenberichtern, gab sie jedem Gesprächspartner den Eindruck, von ihr auf Augenhöhe behandelt zu werden. Dieses Gefühl gab sie auch den jungen Fotografen und Studierenden, die ihrem Vortrag beim Lumix Festival zuhörten und sie danach mit Fragen überhäuften. Zynismus, häufig die Gegendroge von Kriegsberichtern zur Verarbeitung des Erlebten, war ihr völlig fremd. Die Nachricht von ihrem Tod hat uns tief getroffen. Mit ihr haben wir eine großartige und warmherzige Kollegin verloren. Wir trauern mit ihren Angehörigen, Freunden und Kollegen.

Anja Niedringhaus (Foto: Martin Ritzmann)

Neue Fotogalerie (GAF) in Hannover

“Wir wechseln von einer Welt der Wörter in eine Welt der Bilder. Deshalb müssen Fotografen ihre wachsende Rolle als Vermittler und Geschichtenerzähler erkennen.” Diesen Gedanken äußerte einmal Paul Hosefros, ehemaliger Cheffotograf und Bildchef der New York Times. Der Aussage von Hosefros fühlen sich auch die Initiatoren der Galerie für Fotografie (GAF) in der Blauen Halle der Eisfabrik verpflichtet, die am 6. März 2014 um 19.00 Uhr ihre Tore für Besucher öffnet.

Die GAF steht für eine erzählende Fotografie, eine Fotografie, die sich kritisch mit der Gesellschaft auseinandersetzt – mit ihren Menschen und deren Lebensumständen. Die den Besucher an Orte führt, die sich häufig außerhalb unserer Wahrnehmung befinden, egal, ob vor der eigenen Haustür oder am anderen Ende der Welt. Dokumentiert von Fotografen, deren Bestreben es ist, Geschichten zu erzählen, das Leben in all seinen Tiefen und Untiefen zu zeigen und zum Lachen zu verführen, zum Weinen, Staunen oder Nachdenken. Und zum Anteilnehmen.

Die GAF wird Klassiker der Fotografie ebenso zeigen wie bedeutende zeitgenössische Fotografen und junge Talente. Dabei liegt das Augenmerk auf die Förderung des fotografischen Nachwuchses. Neben den Ausstellungen veranstaltet die GAF auch Werkstattgespräche mit Fotografen, Book-Signings, Vorträge, Workshops und Podiumsdiskussionen zu Fragen der Fotografie.

Träger der GAF ist der Verein zur Förderung der Fotografie in Hannover e.V., den ich gemeinsam mit Freunden und KollegInnen der Hochschule gegründet habe. Dieser Verein wird gemeinsam mit der Hochschule Hannover und der FotografInnen-Vereinigung FREELENS auch das Lumix Festival für jungen Fotojournalismus organisieren.

In der alten Eisfabrik in der hannoverschen Südstadt wurde bis Mitte der 60er Jahre Blockeis hergestellt, u.a. zum Kühlen von Bier. Heute ist der Gebäudekomplex in einem ruhigen Hinterhof in der Südstadt Hannovers ein bekanntes Zentrum für Tanz, Theater und Kunst. Der Entwurf für die Umgestaltung der Räume in der Blauen Halle stammt von meinem Hochschul-Kollegen, dem hannoverschen Architektur-Professor Bernd Rokahr, der die Halle unter Berücksichtigung ihres Industrie-Charakters sehr behutsam in eine Galerie umgebaut hat. Die etwa 260 Quadratmeter große Galerie bietet Platz für bis zu 120 Bilder, abhängig von den Formaten. Professionelles Licht der Firma Zumthobel beleuchtet die sieben Meter hohen weißen Wände und die Holztafeln, die optisch ein graues Band und somit einen klaren horizontalen Präsentationshorizont bilden. Diese besondere Raumdynamik bietet jeder zukünftigen Ausstellung viel Freiraum. Möglich wurde dieser Umbau durch die Förderung der  Stiftung Niedersachsen, der Sparkasse-HannoverStiftung, der Niedersächsischen Sparkassenstiftung und der NORD/LB Kulturstiftung.

Öffnungszeiten der GAF sind Mittwoch bis Sonntag von 12.00 bis 18.00 Uhr, Dienstag von 12.00 bis 20.00 Uhr. Der Eintritt ist frei.

Galerie für Fotografie (GAF), Seilerstraße 15d, 30171 Hannover, Tel. 0511-89977313,  info@fotobrigade.com, www.gafeisfabrik.de

 

Paolo Pellegrin – Streit um ein Foto

Er ist der wohl erfolgreichste Fotograf der legendären Fotoagentur MAGNUM und für viele Fotografen das große Idol. Jetzt ist der Italiener Paolo Pellegrin Mittelpunkt eines Streits, der seinen und den Mythos von MAGNUM ins Wanken bringt und eine Diskussion um Ethik und Moral im Fotojournalismus entfacht, von der MAGNUM bislang weitgehend unbehelligt war.

Ausgangspunkt war ausgerechnet ein Foto der Arbeit, für die der erfolgsverwöhnte Pellegrin gerade seine drei aktuellsten Preise erhielt. Den 2. Preis beim World Press Photo Award (General News Stories),  den zweiten Preis beim amerikanischen Press Photographer of the Year (POY) in der Kategorie Reporting Picture Story und beim gleichen Wettbewerb den Titel »Freelance Photographer of the Year«.

Das beanstandete Bild entstand im Rahmen eines Gruppenprojektes von MAGNUM in der US-Stadt Rochester. Bei dem Projekt wurde MAGNUM von dem Rochester Institute of Technology (RIT) unterstützt und Fotostudenten des RIT halfen den MAGNUM-Fotografen als Assistenten.

Pellegrin konzentrierte sich in seiner Arbeit auf den Problembezirk Crescent, Schauplatz zahlreicher Morde, anderer Verbrechen und stadtbekanntes Drogenviertel. Für eines seiner Bilder suchte Pellegrin einen Waffenbesitzer, von dem er ein Portrait fotografieren wollte. Sein Assistent verwies ihn auf einen Kommilitonen vom RIT – Shane Keller -  der mehrere Waffen besaß.

Keller, damals noch Fotografiestudent am RIT, war damit einverstanden, sich von Pellegrin portraitieren zu lassen.

Dass Pellegrins Foto nicht wie ein inszeniertes Portrait daher kommt, sondern eher als szenisches Reportagefoto, sei nur am Rande erwähnt. Dramatische Lichtführung, das Umfeld (eine Garage) und das linke angezogene Bein lassen die Szene erscheinen, als würde hier ein Gangmitglied mit einer Pumpgun durch das Viertel streifen. Beim finalen Editing müsste Pellegrin diese naheliegende Interpretation eigentlich auch klar gewesen sein.

In der Bildunterschrift bezeichnet Pellegrin den Ort als »Crescent« und Shane Keller als ehemaligen Marine Corps Sniper. In die Dateiinformationen des Bildes ist außerdem ein Textschnipsel eingebunden, der aus einem 1o Jahre alten Artikel der New York Times stammt, in dem längst veraltete statistische Daten zu Rochesters Crescent enthalten sind. Weder das Datum der Veröffentlichung noch die Quelle werden genannt.

Dass den früheren Fotostudenten Shane Keller der Zusammenhang, in den er da gestellt wurde, nicht gefällt, kann man nachvollziehen, wenn man seine Version über die Hintergründe des Fotos hört. Dies sei nämlich gar nicht im Sodom und Gomorra von Rochester entstanden, sondern 6 Kilometer entfernt von Crescent. Ein friedliches Viertel, unweit des jüdischen Community Centers, wo man seine Tür unverschlossen lassen könne, ohne dass etwas gestohlen würde. Und er habe Paolo Pellegrin auch nie erzählt, dass er Sniper eines Marine Corps war, denn tatsächlich sei er  bei den Marines Militärfotograf gewesen.

Nachdem Shane Keller dies nach der Veröffentlichung des Bildes seiner ehemaligen Ethik-Professorin Loret Steinberg berichtete, kam der Stein ins Rollen. Denn die nahm Kontakt mit dem Redakteur Michael Shaw auf, der die scheinbaren Ungereimtheiten in dem Blog bagnotesnews.com unter der Überschrift »Wenn die Wirklichkeit nicht dramatisch genug ist: Falsche Darstellung in einem Foto, das den World Press Photo Award und das Picture of the Year gewonnen hat« veröffentlichte. Schnell weitete sich die Diskussion aus und vor allem in der US-Fotoszene wird von Photo District News (PDN) bis Lens Blog (New York Times) heftig gestritten.

»Es tut mir leid, dass Michael Shaw, Loret Steinberg und Shane Keller meine Bilder von Rochester nicht gefallen«, antwortete Pellegrin in der von MAGNUM veröffentlichten Gegendarstellung. Es sei nicht ungewöhnlich, dass Leute mit der Darstellung ihre Viertels durch einen Außenstehenden nicht einverstanden seien. »Das wissen wir doch alle.« Was die falsche Ortsbezeichnung betrifft, so habe er nicht herausfinden können, ob der Begriff Crescent eine genaue geografische Bezeichnung sei, oder eher ein ungenauer Begriff. Im Übrigen habe er bei der Fahrt mit seinem Assistenten die Orientierung verloren.

Hätte aber die einfache Frage, »Sind wir hier in Crescent?« nicht jedes Missverständnis beseitigt? Und spielt die korrekte örtliche Zuordnung einer Person nicht besonders bei einer Reportage über ein solch negativ besetztes Viertel eine wichtige Rolle?

Anders als Shane Keller, so Pellegrin, habe für ihn die Fotografie von Keller mit dem Gewehr sehr wohl etwas mit der Gewalt in Crescent zu tun. Auch erinnere er sich, dass Shane, dessen Namen er später vergessen habe, sich ihm gegenüber  als ehemaliger Sniper ausgegeben habe. Das aber relativiert er dann im nächsten Satz selbst: vielleicht habe Keller sich ja versprochen, oder er – Pellegrin – habe es vielleicht falsch verstanden!?

Ein weiterer Kritikpunkt betrifft das Kopieren eines Ausschnitts aus einem 1o Jahre alten Artikel der New York Times in die Dateiinformationen. Dagegen ist nichts einzuwenden, wären ein Hinweis auf die Quelle und das Erscheinungsdatum enthalten. Angesichts des Umfangs der Textpassage hätten auch diese Infos noch Platz gefunden. In diesem Fall wäre jedem Nutzer jedenfalls klar gewesen, dass die in dem Text enthaltenen statistischen Zahlen aktualisiert werden müssen. Das Argument des Fotografen, dass die Textpassage nur der Hintergrundinformation, nicht aber der Veröffentlichung dienen sollte, wird schon dadurch ad absurdum geführt, dass dieser alte Text bei der Veröffentlichung von World Press Photo offenbar als fundierter und aktueller Bildtext angesehen und tatsächlich veröffentlicht wurde.

Natürlich können einem Fotografen, auch einem so ausgebufften Profi wie Paolo Pellegrin, Fehler bei den Captions unterlaufen. In einem solchen Fall sollte man dann aber vielleicht etwas reumütiger auf die Kritik reagieren als es aus der veröffentlichten MAGNUM-Erklärung spricht.

Stattdessen kommt nach Pellegrins Erklärungsversuchen tatsächlich die im Titel des Blog-Beitrages von bagnotesnews.com angerissene Frage auf, ob hier ein Star des Fotojournalismus mit dem permanenten Erfolgsdruck nicht klar gekommen und dem Zwang erlegen ist, jedem Fotografie gewordenen Drama immer noch ein neues hinzufügen zu müssen, auch wenn die Wirklichkeit diese Dramen vielleicht nicht immer hergibt?

Was wir aber alle daraus lernen müssen – und das betrifft auch die Verantwortlichen von World Press Photo und Press Photographer of the Year – dass eine dem Foto an die Seite gestellte Caption die gleichen ethischen Kriterien zu erfüllen hat, wie das Foto selbst.

Gut Ding will Weile haben

„Der Weise kennt keine Hast, und der Hastende ist nicht weise.“ – „Wer schnell geht, bekommt die Antilope nicht zu Gesicht.“ Bantu und Philosophen eint die gemeinsame Weisheit: Willst du etwas gut machen, brauchst du dafür Zeit.
Das gilt auch für die Fotografie. Denn Fotos sind komplexe Produkte, deren Qualität von verschiedenen Faktoren abhängt: Die Interaktion der Menschen . Der richtige Augenblick. Das Licht. Die Perspektive. Der Ausschnitt. Es bedarf keiner großen Vorstellungskraft einzusehen, dass sich die gewünschte Verdichtung eines Motivs nicht zufällig in einem Sucher einstellt, sondern dass man dafür häufiger als gewünscht lange Zeit arbeiten und warten muss. Und um wie viel aufwendiger ist es, wenn man mehrere Fotos für eine schwierige Geschichte fotografieren muss? Um deren Bilder zu finden, bedarf es des zweiten Blicks. Wir Fotojournalisten müssen einfach genauer hinsehen, um das zu finden, was man gemeinhin nicht sieht, das, was hinter den Kulissen oder unter der Oberfläche liegt. Das ist umso wich­tiger, je mehr man von der Auffassung gelenkt wird, dass dem Journalismus als vierte Macht im Lande eine wichtige Kontrollfunktion zukommt.
Das genaue Hinsehen ist aber nicht nur eine Frage der eigenen Sehschärfe. Eine gute Brille allein hilft da wenig. Ge­naues Hinsehen ist auch eine Frage von Wissen und Suchen. Denn nur wer im Thema ist, kann auch geeignete Situationen oder richtige Schauplätze erkennen. Die findet man selten im Vorbeigehen. Das gilt umso mehr, je komplexer ein Thema ist.
Es wird im Fotojournalismus oft und gern ein Satz von Robert Capa zitiert, der leider meist falsch gedeutet wird. „Wenn dein Bild schlecht ist, dann warst Du nicht nah genug dran!“, meint natürlich nicht eine physische Nähe zum Motiv, sondern eine Affinität zum gewählten Gegenstand und ein fundiertes Wissen über die Vorgänge, basierend auf einer gründlichen Recherche, einem gewissen Einfühlungsvermögen gegenüber den Menschen, sowie auf das starke Bedürfnis, anderen Menschen die Situation so wahrhaftig wie möglich zu vermitteln. Gute Fotografen dürfen also nicht sein, was der bekannte Reporter, Buchautor und Kisch-Preisträger Andreas Alt­mann mal geringschätzig „Belich­tungs­beamte“ nannte: Rasende Reporter, die vom Schauplatz ihrer Fotoserien selten mehr kennen als die Adresse des Hotels, in dem sie absteigen. Natürlich gibt es solche Fotografen, keine Frage – leider.
Aber gute Fotografen müssen neu­gierig sein. Sie müssen wissen wollen. Sie müssen wie Schwämme sein, die alles interessiert aufsaugen, was ihnen zum Thema unterkommt. Sie müssen Fakten, Eindrücke und Motive sammeln. Sie müssen all das gesammelte einordnen und bewerten. Und wenn sie die Schlüsselmotive ihrer Reportagen oder Bildserien gefunden haben, dann erst kommt die eigentliche fotografische Arbeit. Dann erst müssen sie die Motive in eine Form bringen. Noch dazu in eine, in der sich Form und Inhalt des Bildes ergänzen und stützen. Eine Form, die den Inhalt adäquat transportiert, nicht abgehoben oder gar kontraproduktiv. Und sie müssen die Geschichte zu Ende erzählen, in eben jenen Fotos, die wir brauchen, um sie verstehen zu können. All das ist eine zeitaufwendige Prozedur, die nur wenig zu tun hat mit dem locker aus der Hüfte gemachten Schnappschuss, den der Laie so gemeinhin im Kopf hat, wenn er an außer­gewöhnliche Bilder denkt. Auch Bildern, die auf den ersten Blick so aussehen, als seien sie irgendwie zufällig oder nebenbei entstanden, ist meistens der zweite Blick vorausgegangen. Es ist selten der Zufall, der dem Fotografen die spannenden Situationen zuführt.
Leider räumen die Auftraggeber uns Fotografen heute kaum mehr jene Zeit ein, die eine qualifizierte Arbeit möglich machen. Getrieben von sparwütigen Betriebswirten haben die Bildredaktionen fast aller deutschen Magazine die Dauer der Assignments im letzten Jahrzehnt drastisch reduziert. Denn Verlagsmanager richten sich nach der Devise „Zeit ist Geld“, die auf den ehemaligen amerikanischen Präsidenten und Zeitungsverleger Benjamin Franklin zurückgeht. Selbst ein Magazin wie National Geogra­phic blieb davon nicht verschont. Einst lag die normale Dauer eines Reporta­ge­jobs dort bei sechs Monaten, heute sind es nur noch vier. Das klingt immer noch üppig. Ist es auch. Aber immerhin eine Kürzung um ein Drittel.
Bei uns in Deutschland kann man selbst von der Dauer solch gekürzter Assign­ments nur träumen. Nicht selten muss man auch eine umfassende Reportage in drei bis fünf Tagen fotografieren. Was bei einem solchen „Quickie“ herauskommt, kann man an einer Hand abzählen: Der Fotograf muss Klischees abarbeiten, fotografisch und inhaltlich. Und er muss vieles inszenieren. Mit gutem Foto­jour­nalismus oder Autorenfotografie hat das Ergebnis in der Regel nichts zu tun. Denn zum Finden originärer Bilder bleibt einfach nicht die Zeit.
Kurz nach dem Mauerfall hat der deutsche National-Geographic Fotograf Gerd Ludwig eine Reportage im Osten Deutschlands fotografiert. In dem kleinen Nest Kesselsdorf nahe Dresden entdeckte er am Wegesrand einen auf einer Wiese stehenden Schaukasten. Ein ehemaliger LKW-Fahrer hatte mit seiner Frau einen provisorischen Rastplatz für Autofahrer eingerichtet, und in einer Glasvitrine stellten sie Bananen, Orangen, Äpfel und einige Getränke zur Schau, die man dort als Reiseverpflegung kaufen konnte. Mehrere selbstgemalte Schilder wiesen auf das provisorische Ergebnis ersten unter­nehmerischen Denkens hin. Gerd Ludwig wartete, bis eine ältere Frau des Weges kam. Als sie sich nach dem Schaukasten umdrehte, löste er aus. Für ihn erzählte das Foto so viel über die Veränderung in der ehemaligen DDR, dass er noch zwei­mal an diesen Ort zurückkehrte, um das Bild vielleicht durch besseres Licht und eine stärker wirkende Person zu opti­mieren. Letztlich war es doch das Foto vom ersten Besuch, das National Geographic als Doppelseite druckte.
Den Roten Platz in Moskau besuchte Gerd Ludwig mehrfach. „Zehn bis fünfzehn mal war ich dort, um das Foto zu bekommen, das ich mir vorgestellt hatte“, berichtet er. Ein Großplakat mit einem, in edlen Zwirn gehüllten Modell, prangte auf dem Platz und Gerd Ludwig suchte nach lebenden Pendants, die das Plakat pas­sieren. Täglich zwei Stunden lang zur Blue Hour verbrachte er und sein Assistent, der den Blitz hielt, dort. Bis er endlich Pas­santen fotografiert hatte, die dem Plakat entstiegen sein könnten. Es wurde ein ungestelltes wahres Bild – denn solche Passanten gehören zum Moskauer Stadtbild. Das Streben nach dem ultimativen Bild kostet eben Zeit.
Man muss als Fotograf auch die Men­schen einer Geschichte für sich gewinnen. Man kann nicht fordernd und rücksichtslos auftreten und wie ein Elefant im Porzellanladen durch eine oft heikle Wirklichkeit trampeln. Man muss vielmehr, um wieder eine Aussage von Andreas Altmann zu zitieren, wie ein „Snake Charmer“ vorgehen: behutsam, schmei­chelnd, immer aufmerksam. Beim Schlangenbeschwörer können Hektik und Hast tödlich sein, beim Fotografen können sie das vorzeitige Ende der Geschichte bedeuten.
Für viele deutsche Magazine ist ein Zeitraum von einer Woche die Schmerzgrenze, die es nicht zu überziehen gilt. Eine Woche Arbeit für die Darstellung einer 14-Millionenstadt wie Kalkutta mit all ihren Aspekten und Problemen? Eine Woche Arbeit für eine Reisereportage über Zypern, wo man zum Überbrücken der großen Entfernungen den größten Teil seiner Zeit im Fahrzeug verbringt? Eine Woche Arbeit für die Darstellung von Arbeitslosigkeit im Osten unserer Republik, über deren Ursachen und Hintergründe selbst Berufspolitiker seit Jahren mit unterschiedlichen Auffassungen strei­ten?
Die Antwort ist simpel: Es geht nur dann, wenn man an der Oberfläche bleibt, da­rauf verzichtet, der Fotografie jene Kraft zu entlocken, die diesem Medium inne wohnt. Wenn man sich leicht zugäng­lichen Klischees zuwendet, für die man nicht suchend und forschend das Thema entwickeln muss. Wenn man in den Fußstapfen anderer Fotografen wan­delt und sich damit zufrieden gibt, deren Bilder nach zu fotografieren. Modifiziert und etwas besser, wenn man Glück hat. Eine Stadt oder eine Insel kann man im Schweinsgalopp nun mal nicht neu interpretieren, selbst der beste Fotograf kann das nicht. Das Resultat ist das ewige Wiederholen von Klischees, die Illustration.
Es ist also nicht die Gier nach maßlosen Honoraren, die jene Fotografen treibt, die nach ausreichenden Zeit­räu­men verlangen, um einen guten Job zu machen. Angesichts der finanziellen Re­a­lität, der seit Jahren stag­nie­renden Honorarsätze bei gleichzeitig stei­genden Lebenshaltungskosten und der hohen Renditen von Verlagsaktionären, erscheint mir ein solcher Argwohn lächerlich.
Es kommt nicht von ungefähr, dass die herausragenden Leistungen in der Foto­grafie zumeist Arbeiten sind, mit denen die Bildner lange Zeit verbracht haben. Eines meiner Lieblingsbücher ist der Band „Mennoniten“ des kanadischen Foto­gra­fen Larry Towell. Zehn Jahre lang hat er an seinem Buch über die alttes­ta­men­tarische Religionsgemeinschaft foto­gra­fiert. Beispiele für eine solche Arbeitsweise gibt es glücklicherweise auch heute noch genug. Zum Beispiel Sebastiao Salgados Werke „Worker“ und „Migrants“, Patrick Zachmanns Arbeiten zur chinesischen Diaspora und Immigration, Abbas Bücher über den Islam und das Christentum, Kai Wiedenhöfers Darstellung des Palästina-Konfliktes, Martin Parrs Blick auf Massentourismus und Fast Food oder Nan Goldins Bildband über die New Yorker Subkultur. Alle diese Fotografen eint trotz unterschiedlicher Themen und fotografischen Auffassungen eines: Sie haben sich viel Zeit genommen.

veröffentlicht in FREELENS Magazin #27

ExplainYourSite | Ein Kunststoff Band mit Hotmelt Streifen bedeckt: das ist die Zusammensetzung der Klebebander. | Mit dem Abdeckband werden die Lackierung und die Malerei nicht mehr Ungenauigkeit haben.