Artikel getaged ‘Djuric’
22. Januar, 2010
Eine Renaissance der Kooperativen?
In den 80er Jahren nahm die Zahl der Zusammenschlüsse von Fotografen zu Kooperativen, Fotografenagenturen und Fotografen-Büros derart zu, dass selbst Kenner der Szene schon mal den Überblick verlieren konnten. Die Vorteile dieser Zusammenschlüsse liegen auf der Hand. Man konnte sich z.B. einen Teil der teuren Ausrüstung teilen. Blitzanlage, Dunkelkammer, Diaprojektor, Studioequipment, das alles brauchte man nur einmal und meistens besaß einer der Fotografen etwas von diesen Gerätschaften, die dann alle nutzen konnten. Und konnte einer der Fotografen einen Auftrag nicht annehmen, weil er an diesem Tag schon von einem anderen Kunden gebucht war, dann gelang es ihm nicht selten, diesen Job an einen Büro-Kollegen zu vermitteln. Denn hatte die Kooperative bei den Auftraggebern einen guten Ruf, dann war es dem Kunden oftmals egal, wer den Auftrag erledigte. Hauptsache, er war vom Tisch. Daneben konnten junge Fotografen in diesen Kooperativen die Phase der intensiven Auseinandersetzung mit der Fotografie, die nach dem Studium zumeist vorbei ist, im professionellen Alltag mit den Kollegen im Büro fortsetzen. So profitierten alle von der Gemeinschaft.
Anfang der 90er begann dann langsam die Auflösung vieler dieser Fotografen-Kooperativen. Über die Ursachen kann man nur spekulieren. War es die allgemeine Flucht in die Individualität, war es der Kostendruck des Mietanteils für das Büro oder war es einfach nur vorbei mit der Wohngemeinschaftsphase, wie es bei vielen jungen Leuten irgendwann einmal der Fall ist?
Augenblicklich, so scheint es, kommt die Zusammenarbeit in Kooperativen und Büros wieder in Mode. Jedenfalls ist es an meiner Hochschule der Fall. Innerhalb nur eines Jahres haben sich Studenten und Ex-Studenten der FH-Hannover gleich in vier Gruppen zusammengeschlossen.
Unter dem Namen »2470media« (nach dem populärsten Zoom-Objektiv in der Reportagefotografie benannt) haben sich vier Studenten zu einer GmbH zusammengefunden, die sich der Fotografie im Internet verschrieben haben. Sie produzieren, unter Einbeziehung von Kommilitonen, Multimedia-Reportagen mit journalistischem Charakter. Alle vier Gesellschafter – Anna Jockisch, Michael Hauri, Daniel Nauck und Shooresh Fezoni sind noch Studenten. Dennoch war das Konzept ihrer Unternehmensgründung offenbar so überzeugend, dass sich die niedersächsische N-Bank dazu entschlossen hat, die Firmengründung mit einem Startkapital zu fördern. Noch namenlos ist die Bürogemeinschaft von Daniel Pilar, Christian Burkert, Helge Krückeberg, Michael Löwa und Franz Bischof. Ein stilvolles Büro in Hannover ist bereits bezogen und gegenwärtig läuft der komplizierte Prozess der Namensfindung. Bis auf Franz Bischof haben alle Mitglieder ihr Foto-Diplom längst in der Tasche, Franz Bischof ist kurz davor. »Kollektiv25« nennt sich der Zusammenschluss von Lucas Wahl, Lene Münch, Florian Manz und Julius Schrank. Sie wollen von verschiedenen Orten aus arbeiten, aber einen regen Austausch pflegen. Ihre wunderschöne Website geht demnächst ans Netz. »enarro« nennt sich die Gruppe von Milos Djuric, Andy Spyra, Maria Irl und Fabian Brenneke, was soviel wie »bis zu Ende erzählen« bedeutet und auf den erklärten Willen zum Geschichtenerzählen hinweist. Mit im Boot, so sagt die Website enarro.org, sind auch drei schreibende Journalisten.
Es bleibt abzuwarten, ob diese massive Gruppenbildung nur eine hannoversche Ausprägung ist, oder ob sie einen neuen Trend aufzeigt. Eines aber erreichen die Fotografen damit in jedem Fall: Der Individualisierung in ihrem Berufsfeld setzen sie das Kollektiv entgegen und der Weiterentwicklung ihrer jungen Fotografen-Persönlichkeiten kann dies nur förderlich sein.
