News | Nobel's Kommentar dazu...
4. Februar, 2010
Workshop in Elend und Leid
Wie abgebrüht und gesinnungslos manche Kollegen doch sind. Ich dachte immer, das kein Fotograf die Menschenverachtung gegenüber seinen Motiven deutlicher zeigen kann, als es der Starfotograf Michel Comte in einigen Szenen der Schweizer Fernsehdokumentation aus den 90ern über seine Arbeit macht. Darin jagt der Fotograf in Haiti wie wild Straßenkindern mit der Kamera hinterher und knallt ihnen das Blitzlicht ins Gesicht. Und in einer anderen Szene drapiert er in einem Totenhaus die Leichen von zwei Kleinkindern um, weil ihre Positionen nicht seinem ästhetischen Empfinden entsprechen. Doch jetzt ist da jemand, der sich offenbar bemüht, in Sachen Skrupellosigkeit und Unsensibilität Michel Comte den Rang abzulaufen.
Da bietet ein Fotograf namens Zoriah Miller (den Namen sollten wir uns merken!) auf Lightstalker und seiner eigenen Website einen einwöchigen Fotoworkshop auf Haiti für 4.000 Dollar an, Reisekosten und persönliche Ausgaben natürlich exklusive. Dafür will der Fotograf, der sich in einem Film auf YouTube mit Biker-Handschuhen und immer ganz cool fotografierend durch Konflikte in Israel kämpft, den »Studenten« des Workshops seine reichhaltigen Erfahrungen in der Krisenfotografie vermitteln. Er wird die Teilnehmer in die zerstörten Zonen führen und in gefährliche Situationen, so Millers Werbung, und ihnen das Überleben und die Organisation des Jobs in schwierigen Situationen beibringen. Klappt der Business-Plan des Zynikers, dann macht er damit 16.000 Dollar in einer Woche. Natürlich wird das Ganze von ihm noch als ehrenwertes Unterfangen dargestellt, denn die Fotos der Workshopteilnehmer »keep up awareness of a very important issue that will soon fade from the news, while the needs of the Haitians will continue.«
Bleibt nur zu hoffen, dass er es bei den versprochenen Lehrinhalten belässt und den Teilnehmern nicht auch noch seine Berufsethik beibringen will. Aber auf der anderen Seite: Wer da mitmacht, bei dem ist vermutlich eh Hopfen und Malz verloren!
22. Januar, 2010
Eine Renaissance der Kooperativen?
In den 80er Jahren nahm die Zahl der Zusammenschlüsse von Fotografen zu Kooperativen, Fotografenagenturen und Fotografen-Büros derart zu, dass selbst Kenner der Szene schon mal den Überblick verlieren konnten. Die Vorteile dieser Zusammenschlüsse liegen auf der Hand. Man konnte sich z.B. einen Teil der teuren Ausrüstung teilen. Blitzanlage, Dunkelkammer, Diaprojektor, Studioequipment, das alles brauchte man nur einmal und meistens besaß einer der Fotografen etwas von diesen Gerätschaften, die dann alle nutzen konnten. Und konnte einer der Fotografen einen Auftrag nicht annehmen, weil er an diesem Tag schon von einem anderen Kunden gebucht war, dann gelang es ihm nicht selten, diesen Job an einen Büro-Kollegen zu vermitteln. Denn hatte die Kooperative bei den Auftraggebern einen guten Ruf, dann war es dem Kunden oftmals egal, wer den Auftrag erledigte. Hauptsache, er war vom Tisch. Daneben konnten junge Fotografen in diesen Kooperativen die Phase der intensiven Auseinandersetzung mit der Fotografie, die nach dem Studium zumeist vorbei ist, im professionellen Alltag mit den Kollegen im Büro fortsetzen. So profitierten alle von der Gemeinschaft.
Anfang der 90er begann dann langsam die Auflösung vieler dieser Fotografen-Kooperativen. Über die Ursachen kann man nur spekulieren. War es die allgemeine Flucht in die Individualität, war es der Kostendruck des Mietanteils für das Büro oder war es einfach nur vorbei mit der Wohngemeinschaftsphase, wie es bei vielen jungen Leuten irgendwann einmal der Fall ist?
Augenblicklich, so scheint es, kommt die Zusammenarbeit in Kooperativen und Büros wieder in Mode. Jedenfalls ist es an meiner Hochschule der Fall. Innerhalb nur eines Jahres haben sich Studenten und Ex-Studenten der FH-Hannover gleich in vier Gruppen zusammengeschlossen.
Unter dem Namen »2470media« (nach dem populärsten Zoom-Objektiv in der Reportagefotografie benannt) haben sich vier Studenten zu einer GmbH zusammengefunden, die sich der Fotografie im Internet verschrieben haben. Sie produzieren, unter Einbeziehung von Kommilitonen, Multimedia-Reportagen mit journalistischem Charakter. Alle vier Gesellschafter – Anna Jockisch, Michael Hauri, Daniel Nauck und Shooresh Fezoni sind noch Studenten. Dennoch war das Konzept ihrer Unternehmensgründung offenbar so überzeugend, dass sich die niedersächsische N-Bank dazu entschlossen hat, die Firmengründung mit einem Startkapital zu fördern. Noch namenlos ist die Bürogemeinschaft von Daniel Pilar, Christian Burkert, Helge Krückeberg, Michael Löwa und Franz Bischof. Ein stilvolles Büro in Hannover ist bereits bezogen und gegenwärtig läuft der komplizierte Prozess der Namensfindung. Bis auf Franz Bischof haben alle Mitglieder ihr Foto-Diplom längst in der Tasche, Franz Bischof ist kurz davor. »Kollektiv25« nennt sich der Zusammenschluss von Lucas Wahl, Lene Münch, Florian Manz und Julius Schrank. Sie wollen von verschiedenen Orten aus arbeiten, aber einen regen Austausch pflegen. Ihre wunderschöne Website geht demnächst ans Netz. »enarro« nennt sich die Gruppe von Milos Djuric, Andy Spyra, Maria Irl und Fabian Brenneke, was soviel wie »bis zu Ende erzählen« bedeutet und auf den erklärten Willen zum Geschichtenerzählen hinweist. Mit im Boot, so sagt die Website enarro.org, sind auch drei schreibende Journalisten.
Es bleibt abzuwarten, ob diese massive Gruppenbildung nur eine hannoversche Ausprägung ist, oder ob sie einen neuen Trend aufzeigt. Eines aber erreichen die Fotografen damit in jedem Fall: Der Individualisierung in ihrem Berufsfeld setzen sie das Kollektiv entgegen und der Weiterentwicklung ihrer jungen Fotografen-Persönlichkeiten kann dies nur förderlich sein.
6. Dezember, 2009
Wie die Madonna auf den Mond kam
Das Vorurteil, Fotografen seien ausschließlich Menschen des Bildes und würden mit dem Wort auf dem Kriegsfuß stehen, existiert schon lange. Zwar hat es immer schon Fotografen wie den Geo- und stern-Autor Rainer Joedecke gegeben, der auf hohem Niveau geschrieben und fotografiert hat, aber das Vorurteil hält sich bis heute.
Jetzt hat mein Kollege Rolf Bauerdick wieder einmal eindrucksvoll nachgewiesen, dass sich nicht auschliesst, dass ein Mensch des Bildes auch der des Wortes sein kann.
Als Fotograf und Journalist kennen ihn viele in der Branche schon lange. Er hat zahlreiche eindrucksvolle Reportagen fotografiert und geschrieben. Dabei haben es ihm gerade die Sozialreportagen angetan und er hat für seine Arbeit schon den einen und anderen Journalistenpreis gewonnen. Eingeladen haben wir ihn deswegen auch für die Podiumsdiskussion während des Lumix Festivals für jungen Fotojournalismus im Jahre 2008, wo er mit der Brigitte-Bildredakteurin Sonja Streit, dem Sozialfotografen Jürgen Escher und stern-Fotochef Andreas Trampe über »Sozialreportagen – brotlose Kunst für Sozialromantiker?« diskutierte.
Jetzt hat Rolf Bauerdick mit seinem Debütroman »Wie die Madonna auf den Mond kam«, erschienen bei DVA, einen internationalen Erfolg errungen und wird bereits als neuer Stern am Literaturhimmel gehandelt. Gleich in acht Länder wurde das Buch auf der Frankfurter Buchmesse verkauft und die Medien überschlagen sich mit positiver Kritik. »Mit Bauerdick, so viel scheint sicher, hat die deutsche Literatur eine neue, kraftvolle Stimme – und vor allem eine ungewöhnliche«, schrieb etwa Jobst-Ulrich Brand in FOCUS.

Hier ein Ausschnitt des Presssetextes:
»Schick ihn zur Hölle, vernichte ihn.« Als der fünfzehnjährige Pavel das Foto des neuen Parteiskretärs an die Wand des Klassenzimmers nageln will, flüstert ihm seine Lehrerin Angela Barbulesco diesen Satz zu. Es ist der Morgen des 6. November 1957, der Sputnik piept im All, und mit diesem ungeheuerlichen Auftrag steht die Welt im Karpatendorf Bala Luna plötzlich kopf. Des Nachts verschwindet die Lehrerin spurlos, dann findet man den greisen Dorfpfarrer mit durchschnittener Kehle im Pfarrhaus, das Ewige Licht in der Kirche erlischt, und aus der Kapelle auf dem Mondberg wird die Madonna geraubt. Die Ereignisse überschlagen sich in dem einst so verschlafenen Dorf – rasant und mit großer Lust am Fabulieren erzählt Rolf Bauerdick in seinem Debüt »Wie die Madonna auf den Mond kam« von Pavels Anstrengungen, das Geheimnis der Lehrerin zu lüften. Was hat der gutaussehende Parteisekretär der traurigen Trinkerin Barbulescu angetan? Und wie hängen all diese mysteriösen Geschehnisse zusammen?
5. Dezember, 2009
photoscala.de: Die elektronische Tageszeitung für Fotografen

Dass wir übers Internet alle Informationen am schnellsten vermittelt bekommen, ist wohl jedem klar. Das gilt auch für die Meldungen rund um die Fotografie. Unter www.photoscala.de betreibt der Journalist Thomas Maschke meine am häufigsten genutzte Foto-Website. Ob Meldungen über neue Produkte, interessante Ausstellungen und Bücher, Fotopreise oder die Quartals-Ergebnisse der führenden Fotounternehmen, bei www.photoscala.de erfahre ich es in der Regel zuerst. Dank photoscala weiß ich, dass 2009 etwa 130 Millionen Digitalkameras verkauft wurden, oder erfahre, dass Rollei-Teile aus der Insolvenzmasse von Franke & Heidecke gerade bei Ebay versteigert werden. Daher habe ich mir angewöhnt, noch ehe ich das Haus verlasse, kurz einen Blick auf Maschkes Info-Seite zu werfen.
Einziger Wermutstropfen sind wie auf vielen Seiten die Leserkommentare. Das reicht vom geballten Nichtwissen bis zu Pöbeleien auf Hinterhof-Niveau. Wann kommt endlich die Führerscheinpflicht für Foren-Nutzer?
