Workshop in Elend und Leid

Wie abgebrüht und gesinnungslos manche Kollegen doch sind. Ich dachte immer, das kein Fotograf die Menschenverachtung gegenüber seinen Motiven deutlicher zeigen kann, als es der Starfotograf Michel Comte in einigen Szenen der Schweizer Fernsehdokumentation aus den 90ern über seine Arbeit macht. Darin jagt der Fotograf in Haiti wie wild Straßenkindern mit der Kamera hinterher und knallt ihnen das Blitzlicht ins Gesicht. Und in einer anderen Szene drapiert er in einem Totenhaus die Leichen von zwei Kleinkindern um, weil ihre Positionen nicht seinem ästhetischen Empfinden entsprechen. Doch jetzt ist da jemand, der sich offenbar bemüht, in Sachen Skrupellosigkeit und Unsensibilität Michel Comte den Rang abzulaufen.

Da bietet ein Fotograf namens Zoriah Miller (den Namen sollten wir uns merken!) auf Lightstalker und seiner eigenen Website einen einwöchigen Fotoworkshop auf Haiti für 4.000 Dollar an, Reisekosten und persönliche Ausgaben natürlich exklusive. Dafür will der Fotograf, der sich in einem Film auf YouTube mit Biker-Handschuhen und immer ganz cool fotografierend durch Konflikte in Israel kämpft, den »Studenten« des Workshops seine reichhaltigen Erfahrungen in der Krisenfotografie vermitteln. Er wird die Teilnehmer in die zerstörten Zonen führen und in gefährliche Situationen, so Millers Werbung, und ihnen das Überleben und die Organisation des Jobs in schwierigen Situationen beibringen. Klappt der Business-Plan des Zynikers, dann macht er damit 16.000 Dollar in einer Woche. Natürlich wird das Ganze von ihm noch als ehrenwertes Unterfangen dargestellt, denn die Fotos der Workshopteilnehmer »keep up awareness of a very important issue that will soon fade from the news, while the needs of the Haitians will continue.«

Bleibt nur zu hoffen, dass er es bei den versprochenen Lehrinhalten belässt und den Teilnehmern nicht auch noch seine Berufsethik beibringen will. Aber auf der anderen Seite: Wer da mitmacht, bei dem ist vermutlich eh Hopfen und Malz verloren!

Kommentarfunktion ist deaktiviert.

  • In eigener Sache